Führung und KI: Wenn Mitarbeitende mehr selbst können
Als HR-Leiter führte ich Fachleute, die in ihrem Gebiet deutlich mehr wussten als ich. Ich kannte auch nicht jedes Thema oder jeden Prozess bis ins Detail.
Das war schon damals nichts Aussergewöhnliches. Wer Fachpersonen führt, muss fachlich nicht überall die beste Person im Raum sein.
Durch Künstliche Intelligenz bekommt dieses Thema jedoch nochmals eine andere Bedeutung. Mitarbeitende können schneller zu benötigtem Wissen kommen, Informationen aufbereiten, Analysen erstellen oder verschiedene Lösungswege durchspielen.
Was bedeutet das für die Führung?
Mehr Wissen macht Entscheide nicht zwingend besser
Wer heute vor einer anspruchsvollen Aufgabe steht, kann KI nach möglichen Lösungswegen fragen, Informationen zusammenfassen lassen oder eine erste Analyse erstellen. Das beschleunigt die Arbeit.
Besser wird ein Entscheid dadurch noch nicht, aber vielleicht fundierter.
Eine überzeugend formulierte Antwort kann falsch sein. Wichtige Zusammenhänge können fehlen. Und was aufgrund der vorhandenen Informationen logisch erscheint, muss nicht zur konkreten Situation eines Unternehmens passen.
Aus meiner HR-Praxis weiss ich aber auch, wie wichtig Erfahrung bei der Einordnung sein kann.
Wer eine Organisation, ihre Kunden oder die Vorgeschichte eines Entscheids kennt, beurteilt eine Situation anders als jemand, der sich in kurzer Zeit viel Wissen dazu beschafft hat. Solche Zusammenhänge liest man nicht aus einer Analyse heraus.
Auch die aktuellen „Human Capital Trends 2026“ von Deloitte greifen diese Entwicklung auf. KI kann Entscheidungen vorbereiten, die Verantwortung für den Entscheid bleibt jedoch beim Menschen. Die Studie hält zudem fest, dass KI Normen, Identität und Entscheidungswege in Unternehmen verschiebt, oft ohne dass darüber gesprochen wird. Genau darin sehe ich eine Führungsaufgabe: diese Verschiebung bewusst zu gestalten, statt sie einfach geschehen zu lassen.
Wenn Mitarbeitende mehr selbst können, was muss dann noch über meinen Tisch?
Für mich liegt hier eine der interessanteren Führungsfragen rund um KI.
Wenn Mitarbeitende einen Sachverhalt zunehmend selbst analysieren und verschiedene Möglichkeiten vorbereiten können, lohnt es sich zu prüfen, was danach passiert.
Landet das Ergebnis trotzdem automatisch bei mir? Muss ich jede Variante nochmals beurteilen und selbst entscheiden? Oder reicht meine Einschätzung, damit mein Gegenüber selbst entscheiden kann?
Eine Frage hilft dabei: Braucht es hier wirklich meinen Entscheid oder nur meine Einschätzung?
Das sieht auf den ersten Blick nach Haarspalterei aus. Im Führungsalltag verändert diese Unterscheidung aber einiges. Eine Führungsperson kann Sparringpartner sein, eine kritische Frage stellen oder auf ein Risiko hinweisen – und den Entscheid trotzdem beim Mitarbeitenden lassen.
Sonst wird die Führungsperson zum Flaschenhals
KI kann dazu führen, dass Analysen, Varianten und Vorschläge schneller entstehen. Wenn aber alles weiterhin über dieselben Entscheidungswege nach oben läuft, ist damit wenig gewonnen.
Im ungünstigsten Fall landet sogar mehr bei der Führungsperson als vorher. Mitarbeitende liefern schneller Ergebnisse, die Führungsperson prüft sie, ergänzt ihre Sicht und gibt das endgültige OK.
Am Anfang wird es schneller. Am Ende wartet trotzdem alles auf denselben Entscheid.
Bei der Nutzung von KI interessiert mich deshalb nicht nur, welche Aufgaben effizienter erledigt werden, sondern ob sich mit den neuen Möglichkeiten auch Verantwortung und Entscheidungsspielräume verändern.
Der Zielkonflikt: mehr Selbständigkeit, mehr Kontrollbedürfnis
KI kann aber auch das Gegenteil auslösen: den Wunsch, wieder stärker zu kontrollieren.
Wenn ich nicht genau weiss, wie ein Mitarbeitender mit Unterstützung von KI zu einem Ergebnis gekommen ist und auf welchen Grundlagen es beruht, kann die Reaktion sein: Jetzt muss ich erst recht alles prüfen.
Damit entsteht ein echter Zielkonflikt. KI schafft Möglichkeiten für mehr Selbständigkeit und gleichzeitig Gründe für mehr Kontrolle.
Bevor ich Verantwortung übertrage, muss deshalb auch klar sein, welche Qualität ich erwarte und wie nachvollziehbar ein KI-gestütztes Ergebnis sein muss. Das lässt sich teilweise aber nicht vollständig mit richtigen Prompts erreichen.
Mehr Eigenverantwortung entsteht nicht durch ein KI-Tool
Nur weil jemand mit KI einen guten Lösungsvorschlag erarbeiten kann, heisst das nicht, dass diese Person den Entscheid auch treffen kann oder will.
Wer selbst entscheidet, muss auch beurteilen können, wie verlässlich die Informationen sind und welche Konsequenzen daraus entstehen können. Und am Ende für den Entscheid einstehen.
Auch die Führungsperson muss bereit sein, Verantwortung tatsächlich abzugeben. Das ist schwieriger, als es auf dem Papier klingt.
Gerade wenn ich ein Thema gut kenne, fällt mir vielleicht noch eine Variante ein. Oder ich sehe ein Risiko, das mein Gegenüber noch nicht bedacht hat.
Muss ich deshalb entscheiden?
Manchmal ja. Manchmal reicht es, die Erfahrung einzubringen und wieder einen Schritt zurückzugehen.
Wann sollte die Führungsperson selbst entscheiden?
Nicht jeder Entscheid gehört auf dieselbe Ebene.
Je grösser die Auswirkungen eines Entscheids auf andere Bereiche, Kunden oder das Unternehmen sind, desto wichtiger wird der Gesamtblick.
Ein Mitarbeitender kann mit KI verschiedene Varianten für einen Prozess oder ein Kundenangebot entwickeln. Wirkt sich die gewählte Variante aber auf andere Bereiche aus oder berührt sie die grundsätzliche Positionierung gegenüber Kunden, ist es nicht mehr nur sein Fachentscheid.
Wichtiger als die Zahl der delegierten Entscheide ist die Frage, wo ein Entscheid sinnvollerweise getroffen werden sollte und was die Person braucht, die ihn übernimmt.
Führung ohne den Anspruch, überall mehr wissen zu müssen
Ich empfand es nie als Problem, wenn jemand in seinem Fachgebiet mehr wusste als ich. Im Gegenteil: Bei guten Fachleuten sollte das die Regel sein.
Wenn Informationen schneller verfügbar werden und Mitarbeitende mehr Vorarbeit leisten, verschwindet die Erfahrung der Führungsperson nicht. Vielleicht wird sie sogar anders eingesetzt – etwa dann, wenn ein fachlich überzeugender Vorschlag für einen anderen Bereich unerwartete Konsequenzen hätte.
Dafür muss ich nicht jedes Detail selbst erarbeitet haben. Ich muss aber wissen, wann meine Erfahrung gebraucht wird – und wann ich meinem Gegenüber zutraue, selbst weiterzugehen.
Solche Fragen begegnen mir heute auch im Führungscoaching mit anderen Führungspersonen.
Und wenn dadurch tatsächlich Zeit frei wird?
Wenn Mitarbeitende mehr selbst erarbeiten und entscheiden, müsste bei Führungspersonen eigentlich Raum entstehen.
Ob das tatsächlich passiert, steht auf einem anderen Blatt. Freie Zeit im Kalender hat die unangenehme Eigenschaft, schnell wieder voll zu werden.
Neben der Frage, welche Aufgaben KI übernehmen kann, gehört für mich auch das zum Thema Führung und KI:
Wofür möchte ich als Führungsperson eigentlich mehr Zeit haben?
Häufige Fragen zu Führung und KI
Wie verändert KI die Rolle von Führungspersonen?
KI kann Mitarbeitenden ermöglichen, schneller auf Wissen zuzugreifen und Lösungsvarianten zu entwickeln. Dadurch stellt sich für Führungspersonen häufiger die Frage, wo ihr eigener Entscheid nötig ist und wo Einordnung oder Sparring ausreichen.
Können Führungspersonen durch KI mehr delegieren?
Ja, aber nur, wenn Mitarbeitende ein KI-Ergebnis auch kritisch beurteilen können und bereit sind, für den daraus entstehenden Entscheid einzustehen. Genauso wichtig ist, wie nachvollziehbar ein Ergebnis zustande kam – erst das schafft die Grundlage, Verantwortung tatsächlich zu übertragen.
Welche Entscheide sollten Führungspersonen weiterhin selbst treffen?
Das hängt von Aufgabe, Verantwortung und Unternehmen ab. Je grösser die Auswirkungen über den eigenen Verantwortungsbereich hinaus sind, desto eher braucht es den Gesamtblick und die Entscheidungskompetenz der Führungsperson oder Geschäftsleitung.
Kann KI Führungspersonen entlasten?
Ja – aber nur, wenn gleichzeitig geprüft wird, welche Aufgaben und Entscheide weiterhin bei der Führungsperson liegen müssen. Bleiben die Entscheidungswege unverändert, landet durch KI womöglich sogar mehr zur Prüfung auf demselben Tisch.