August 2, 2026

Berufliche Entwicklung beginnt früher als die nächste Beförderung

Berufliche Standortbestimmung könnte der Start sein für die nächste Beförderung:
Entwicklung beginnt zuerst

Vor einigen Tagen war ich oberhalb von Kilchberg unterwegs. Dabei fiel mir ein neuer mächtiger Strommast auf. Nicht der Mast selbst hat mein Interesse geweckt, sondern seine Farbe. Er war grün gestrichen und fügte sich trotz der Grösse recht gut in die Umgebung ein.

Ich musste schmunzeln. Eigentlich wollen wir alle Strom, aber den Strommast möglichst nicht vor der eigenen Haustür. Natürlich weiss jeder, dass der Mast trotzdem da ist. Seine Aufgabe bleibt die gleiche, die Farbe lässt ihn höchstens etwas weniger auffallen.

Als ich nach Hause spazierte, kamen mir Gedanken in den Sinn, die ich von meiner Arbeit als Coach und Sparringpartner gut kenne. Berufliche Entwicklung kann manchmal an nicht vorhandenen Kompetenzen (insbesondere Fachkompetenzen) scheitern. Tendenziell ist es aber so, dass sich Menschen selbst noch nicht klar genug kennen oder ihre Wirkung über- oder unterschätzen.

Auch wir Menschen passen uns manchmal an. Wir nehmen uns zurück, wenn es um die eine oder andere Arbeit geht und hoffen, dass gute Arbeit von selbst gesehen wird. Andere möchten möglichst zeigen, was sie können. Beides führt nicht immer direkt zum Ziel.

Wenn Menschen zum Sparring kommen, geht es nicht nur um Karriere

Viele Menschen kommen zu mir mit dem Wunsch, sich beruflich weiterzuentwickeln. Manchmal geht es um den nächsten Karriereschritt, manchmal um eine neue Führungsaufgabe oder um eine berufliche Standortbestimmung.

Der eigentliche Auslöser liegt aber häufig woanders. Eine erhoffte Beförderung blieb aus. Ein Feedback einer Vorgesetzten oder eines Kollegen beschäftigt jemanden seit Wochen. Oder es gibt einfach dieses Gefühl: Eigentlich läuft vieles gut. Und trotzdem stimmt etwas nicht mehr.

Ich stelle dann natürlich nicht direkt die Frage nach dem nächsten Karriereschritt, oder was denn alles stimmen sollte, damit die berufliche Karriere stimmt.
Ich stelle fast immer zuerst eine andere Frage:

Warum beschäftigt dich dieses Thema gerade jetzt, dass du dich für ein Sparring gemeldet hast?

Berufliche Entwicklung beginnt bei der eigenen Identität

Aus dieser ersten Frage entstehen oft viele weitere. Welche Werte leiten dich? Wann hast du zuletzt das Gefühl gehabt, wirklich etwas bewirkt zu haben? Bei welchen Aufgaben blühst du auf? Welche Rückmeldungen erhältst du von deinem Umfeld, und wie oft überprüfst du dein eigenes Selbstbild? Wie viel Energie möchtest oder kannst du im Moment überhaupt in deine Entwicklung investieren?

Diese Fragen wirken unscheinbar. Für mich bilden sie jedoch die Grundlage jeder nachhaltigen beruflichen Entwicklung. Denn wer sich selbst besser versteht, trifft meist auch klarere Entscheidungen. Es handelt sich also um Selbstkompetenz. Genau hier setzt eine berufliche Standortbestimmung an: nicht bei der nächsten offenen Stelle, sondern bei der Frage, was für jemanden tatsächlich stimmig ist.

Viele Menschen verlassen sich dabei vor allem auf ihr eigenes Bild von sich selbst. Entwicklung entsteht aber oft erst dort, wo wir bereit sind, Rückmeldungen von aussen ernst zu nehmen, auch wenn sie unbequem sind.

Der Strommast beschäftigt, er lässt sich nicht unsichtbar machen

Während eines Coachings sprechen wir irgendwann fast immer auch über Wirkung. Wie werde ich wahrgenommen? Wie erleben mich andere? Wo gibt es Unterschiede zwischen meinem Selbstbild und dem Bild, das andere von mir haben?

Dabei zeigen sich häufig Muster. Manche Menschen möchten so sehr beweisen, dass sie bereit für den nächsten Schritt sind, dass sie sich fast aufdrängen. Andere verfügen über enormes Fachwissen, bringen ihre Gedanken aber nicht auf den Punkt. Und wieder andere konzentrieren sich so stark auf die eigenen Ziele, dass sie kaum wahrnehmen, was ihr Umfeld gerade braucht.

Das hat nur manchmal mit fehlenden Kompetenzen zu tun. Viel häufiger geht es um Selbstreflexion, Kommunikation und Authentizität.

Diese Beobachtung passt auch zu einer Studie von Johnsen, Ku und Salvanes: Beruflicher Aufstieg hängt nicht nur von Leistung ab, sondern auch davon, ob die eigenen Beiträge im Unternehmen sichtbar werden.

Die Studie bestätigt damit, was ich sowohl von meiner früheren beruflichen Erfahrung als auch in Coachings beobachte: Gute Arbeit allein reicht nicht. Entscheidend ist auch, ob andere erkennen können, welchen Beitrag jemand leistet.

Da musste ich nochmals an den grün gestrichenen Strommast denken. Der Strommast bleibt ein Strommast, unabhängig von seiner Farbe. Vielleicht gilt das auch für uns Menschen: Entscheidend ist nicht, eine Rolle zu spielen, sondern zu wissen, wofür man steht und wie man wirken möchte.

Wirkung entsteht dort, wo Menschen zu sich stehen

Meine heutige Erfahrung als Coach und Sparringpartner bestätigt vieles, was ich bereits früher in Führungs- und HR-Funktionen beobachten durfte. Berufliche Entwicklung beginnt in der Regel vor der nächsten Stelle. Sie beginnt dort, wo Menschen sich selbst besser verstehen, ihre Werte kennen, ihre Stärken realistisch einschätzen und Feedback ernst nehmen.

Die Erkenntnis

Wer sich selbst nicht kennt, hat es schwer zu erklären, was er eigentlich beiträgt – und noch schwerer, dafür erkannt zu werden.

Der Strommast oberhalb von Kilchberg bleibt ein Strommast, ob grün gestrichen oder nicht. Was sich verändert, ist nicht seine Aufgabe, nur wie auffällig er wirkt.

Bei Menschen ist es in gewissem Sinn umgekehrt: Wer seinen Beitrag dauerhaft im Hintergrund hält, verändert nicht, wer er ist, aber oft, wie andere ihn wahrnehmen.

Eine berufliche Standortbestimmung beantwortet deshalb nicht nur die Frage: Wie komme ich weiter? Sondern zuerst: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Und wie möchte ich wirken?

Erst wenn diese Antworten klar werden, entstehen meist auch die richtigen nächsten Schritte.

Es lohnt sich, bewusst Zeit für diese Fragen zu nehmen, sie sind vielleicht der erste Schritt einer beruflichen Entwicklung, die wirklich zu einem passt.

 

Weiterführende Studien